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Funktioniert unser Gesundheitssystem menschenwürdig?

Meine eigene Erfahrung zu diesem Thema:

Okay, es ist ein schwieriges Thema, aber auch ein Thema was viele interessiert.

Ich möchte an dieser Stelle über dieses Thema schreiben, welches mir schon lange auf der Seele brennt.

Es begann im November 2012. Ich hatte seit etlichen Tagen eine Erkältung mit mir herumgeschleppt, war ziemlich ausgelaugt und habe mich dennoch in die Arbeit gezwungen. Über den Tag hindurch bemerkte ich schon, das meine Schilddrüse (Hashimoto), wieder zu zicken begann. Ich vermutete das die Erkältung an meinem Missempfinden am Hals schuld war, und die Schilddrüse dadurch gereizt wurde.

Als ich mich auf dem Heimweg machte, konnte ich plötzlich, von jetzt auf gleich, von einer Sekunde auf die andere, meinen Speichel nicht mehr schlucken! Der natürliche, unbewusste Schluckreflex war plötzlich nicht mehr vorhanden! Es ist für einen gesunden Menschen unvorstellbar das so etwas möglich ist, denn wer denkt schon über seinen Schluckreflex nach?! Der Schluckakt und seine Bedeutung, werden einem erst bewusst, wenn dieser nicht mehr richtig funktioniert.

Panisch fuhr ich mit meinem Auto seitlich heran und blieb stehen, um erstmal mit meinem Schluckakt zu kämpfen. Erst mit Verzögerung gelang es mir meinen Speichel zu schlucken. Zuhause angekommen, durchlief ich meine abendliche Routine. Ich machte mir etwas zu essen und als ich zu essen begann, setzte erneut mein Schluckreflex aus. Plötzlich blieb mir ein Stück Fleisch in der Kehle stecken. Und mit Panik in den Augen und starkem Würgen versuchte ich das Stück Fleisch wieder herauszubefördern. Es gelang mir, jedoch machte sich immer mehr Panik bei mir breit, warum nun plötzlich mein Schluckakt nicht mehr funktionierte?

Schluckstörung

Auch am nächsten Morgen erneute Prozedur, ich wollte etwas essen und ich verschluckte mich zunehmend, bei jedem Stückchen Nahrung. Als ich dann noch versuchte zu trinken und mir die Flüssigkeit aufgrund des Verschluckens aus der Nase wieder herauslief…war mir spätestens hier klar, das etwas mit mir nicht stimmt.

Meine damalige Hausärztin, verpasste mir daraufhin Kortison,. Da sie auch durch das Abtasten der Schilddrüse sehen konnte, dass diese etwas vergrößert war. Mein Kloßgefühl im Hals wurde auch zunehmend stärker.

Zuhause hoffte ich aufgrund des Kortisons, eine Besserung zu verzeichnen. Aber dem war nicht so, dass Kloßgefühl wurde durch das Kortison zwar beseitigt,  die Schluckstörung war jedoch immer noch vorhanden.

Es vergingen insgesamt vier Tage, wo ich weder essen, noch trinken konnte. Am Abend zuvor riefen meine Eltern den Notarzt an, da ich erneut am Essen drohte zu ersticken. Doch auch hier gelang es mir die Nahrung irgendwie wieder herauszubefördern. Der Notarzt traf dann folgende Aussage „Ihnen läuft kein Speichel aus dem Mund heraus und ihre Mundwinkel hängen nicht herunter. Also kann da auch nichts sein.“

„Danke für‘s Gespräch lieber Notarzt!“ Erstens haben meine Eltern den Notarzt angerufen (weil sie Angst hatten das ich ersticke) und zweitens hat eine Schluckstörung nicht zwangsläufig mit herabhängenden Mundwinkeln zu tun, wie bei einem Schlaganfall.

Krankenhaus

Nach diesen 4 Tagen, wo keine Besserung in Sicht war, ging ich ins Krankenhaus und bat verzweifelt um Hilfe. Ich wurde stationär aufgenommen und mir wurden über Infusionen Flüssigkeit und Kalorien zugeführt. Ich durchlief mehrere Untersuchungen, unter anderem eine Kernspin-Untersuchung von Hals und Kopf. Im Kernspin wurde am Zungengrund eine tumorähnliche Erscheinung festgestellt, daraufhin wurde ich einem Hals-Nasen-Ohren-Arzt vorgestellt. Dieser meinte es wäre, im Kernspin wäre eine erhabene Stelle am Zungengrund auffällig. Und ich sollte sofort verlegt werden, da man eine Gewebeprobe entnehmen müsste.

Nie hätte ich gedacht, das diese nachfolgende Verlegung in ein anderes Krankenhaus, für mich die Hölle auf Erden sein würde.

Kassenpatient

In dieser HNO-Abteilung hatte ich ein Gespräch mit einem Oberarzt. Dieser meinte, mein Fall wäre speziell, er würde gerne den Chefarzt zu Rate ziehen wollen. Und fragte wo ich denn genau versichert wäre? Ich meinte, ich wäre bei der Betriebskrankenkasse versichert! Daraufhin der Oberarzt „bei gesetzlich Versicherten könnte er nicht den Chefarzt dazu holen“!

Das muss man sich mal vorstellen, Stationsärzte samt Oberarzt, hatten keinen Plan mit mir etwas anzufangen…aber da ich gesetzlich versichert bin, können sie keinen größeren Aufwand für mich betreiben?!

Zu dem Zeitpunkt war ich 29 Jahre alt, mitten im Leben, hatte einen super Job und war insgesamt mit meinem Leben zufrieden (es hat einen Grund, warum ich mein Leben kurz beschreibe, denn dass ist ausschlaggebend für die Behauptungen, die mir (im weiteren Text) an den Kopf geworfen wurden).

Eine Gewebeprobe vom Zungengrund wurde entnommen (die Befunde hierfür dauerten 2-3Wochen an, letztendlich kam hierbei heraus, dass eine chronische Entzündung vorliegt, aber keine Erklärung warum dies so ist). Diese Gewebeentnahme war auch so ziemlich das schmerzhafteste was ich erlebt hatte. Ich hatte danach nicht nur Schmerzen auf der Zunge, sondern auch in den Ohren und im Kopf, so dass ich erstmal ohne Schmerzmittel nicht auskam. In den darauffolgenden Tagen in dieser Klinik, verbesserte sich die Schluckstörung kein bisschen. Pflegepersonal und Stationsarzt, behaupteten dass ich magersüchtig wäre und einfach nicht essen wollen würde.

Magersüchtig? Bitte was?!

Ich hatte nämlich schon insgesamt 10-12 Tage nichts mehr essen können und habe nur noch 45kg, bei einer Größe von 160cm, gewogen (10kg innerhalb von fast 2 Wochen verloren). Noch nie kam ich mir so hilflos, dem medizinischen Personal, ausgeliefert vor (und ich selbst arbeitete auch in einem Krankenhaus).

Eine Krankenschwester hatte es besonders auf mich abgesehen, und vermittelte mir tagtäglich, dass ich nur keine Lust hätte zu essen, weil ich magersüchtig wäre. Zudem behauptete sie, dass ich eine psychische Störung hätte.

Auf meinen Wunsch hin, ob nicht ein Logopäde sich meine Situation mal anschauen könnte — wurde nur gemeint, wozu denn, wenn meine Schluckstörung doch psychisch wäre.

Insgesamt verbrachte ich fast 2 Wochen in beiden Krankenhäusern, ohne wirklich ein Ergebnis oder weitere Hilfe erhalten zu haben. Nach meiner Entlassung suchte ich einen Neurologen auf und einen weiteren HNO-Arzt, daraufhin bekam ich endlich Logopädie verordnet.

Diese Logopädin zeigte mir unter anderem Techniken, wie ich den Schluckreflex, durch eine bestimmte Bewegung des Kopfes auslösen könnte. Außerdem trainierte sie meine Zungenkoordination, die etwas schwerfällig war und gab mir Übungen für zu Hause mit, um verschiedene Laute zu üben. In diesen Wochen der Logopädie verbesserte sich meine Schluckstörung nach und nach.

Ich kann gar nicht sagen, wie dankbar ich dieser Logopädin war, die mir so sehr geholfen hatte. Zumindest wieder nach und nach etwas essen zu können. Auch veränderte sich meine Einstellung zum Essverhalten. Jedes Nahrungsmittel was ich wieder essen und schlucken konnte, war ein neues Lebensgefühl für mich, mit einer neuen Art von Genuss.

Eine Odyssee an Arztbesuchen…

In insgesamt 4 Monaten durchlief ich mehrere Ärzte, die nicht wussten was es mit der Schluckstörung auf sich hatte. Das schlimmere dabei war, die Tatsache, dass jedes mal wenn ein Arzt nicht weiter wusste, gesagt wurde „das ist doch bestimmt psychisch bedingt“.

Ursache: Eisenmangel

Erst nach einem Jahr wurde ich einem Schluckspezialisten vorgestellt. Dieser hat aufgrund meiner Beschreibung der Symptomatik, gemeint „ich vermute sie haben eine Schluckstörung, bedingt durch einen Eisenmangel“. In seiner Laufbahn hatte er dies schon bei anderen jungen Frauen erlebt, dies ist jedoch selten. Die darauffolgenden Blutwerte ergaben, dass ich mittlerweile eine Blutarmut entwickelt hatte, und mein Eisen- und Ferritin-Wert sehr weit unten waren. Daraufhin wurde mir gesagt welche Eisenmedikamente ich nehmen sollte und die Schluckstörung verbesserte sich zunehmend.

Ein Jahr lang, nach einer Odyssee an Arztbesuchen und Kliniken, mit teilweise unmenschlichen Verhalten und dem vermittelten Gefühl nicht ernst genommen zu werden. Wo man selbst schon zu glauben anfing, dass alles eine psychische Ursache hätte, kam schließlich die rettende Diagnose.

Ein einziger Arzt schaffte es eine Diagnose zu stellen und bestätigte mir das diese Schluckstörung, schlicht und einfach, eine Ursache des chronischen Eisenmangels war.

Und auch die Logopädin, die hier ohne jegliche Vorurteile, einen super Job gemacht hat!

Diese beiden Ausnahmen am medizinischen Personal, haben das gemacht was sie gelernt oder studiert haben. Einfach ihren Job, mit der Aufgabe und dem Ziel dem Menschen zu helfen.

Fragen:

Funktioniert unser Gesundheitssystem menschenwürdig?

Ist es in Ordnung, nur weil Ärzte ein bestimmtes Budget für Patienten zur Verfügung haben, dass bei seltenen Erkrankungen nicht über den Tellerrand hinaus geschaut wird? Keine Extra Untersuchungen den gesetzlich Versicherten zustehen, obwohl sie genauso in die Versichung einzahlen?

Ist es okay, dass alles was das medizinische Personal nicht kennt, in die psychische Schiene geschoben wird?

Woher nehmt ihr euch das Recht über Patienten lautstark zu urteilen, wo noch keine handfeste Diagnose gestellt wurde?

Habt ihr euch mal selber in die Situation eines verzweifelten Patienten hinein versetzt? Wenn nicht, dann wünsche ich euch diese Erkenntnis irgendwann,und hoffentlich schnell, zu erlangen! Damit dieser bestimmte medizinische Personenkreis,  nicht weiterhin mit Patienten wie ein Stück Vieh umgeht!

Theoretisch müssen sich nur diejenigen angesprochen fühlen, die es betrifft. Denn nur von diesem medizinischen Personal ist hier die Rede! 

Mir ist bewusst, dass es überall Ausnahmen gibt, aber wenn wir mal ehrlich sind, werden diese Ausnahmen immer weniger.

Verändert mein Beitrag irgendetwas an dem Gesundheitssystem? An dem teilweise abgehärteten, gestressten medizinischen Personal, an dem anscheinend geringen Budget für gesetzlich Versicherte? Vermutlich nicht…

Was können wir selbst tun?

Kämpft für euer Recht, kämpft dafür gehört zu werden! Seid hartnäckig, bis man euch ernst nimmt!

Die Gesundheit ist das höchste Gut was wir besitzen! Man muss natürlich auch selbst etwas für seine Gesundheit tun, aber so vieles hängt von den Ärzten und vom medizinischen Personal ab…

Daher lasst euch die Gesundheit, nicht durch ein begrenzt, vorhandenes Budget oder durch Zeitmangel von medizinischem Personal nehmen!

In diesem Sinne

#gesundheit

#hartnäckigkeit

#starksein

Isabella

 

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